Cyanobakterien und Fangotherapie
Die physiologischen Wirkungen des Thermalfango werden teilweise der Wärme und vermutlich dem perkutanen Durchtritt der gelösten Elektrolyte zugeschrieben (Odabasi et al, 2008; Tateo et al 2009), hängen aber in starkem Ausmaß auch von den Prozessen ab, die während der “Reifung” des Schlamms ablaufen. Dieser Prozess, der erforderlich ist, um die therapeutischen Eigenschaften des Fangos zu optimieren, besteht darin, dass der Schlamm in entsprechenden Becken für einen Zeitraum von ca. 60 Tagen “ruht”.
In dieser Zeit wird der Schlamm konstant mit Thermalwasser mit mittlerer Temperatur gespült, das nicht nur die chemisch-physikalischen Eigenschaften des Schlamms verändert (wie Plastizität, Viskosität, usw.), sondern auch die Entwicklung einer komplexen Gemeinschaft photoautotropher, sauerstoffbildender, thermophiler u/o wärmetoleranter Mikroorganismen (d.h. Mikroorganismen, die Photosynthese betreiben wie die Pflanzen) und heterotropher Mikroorganismen (die keine Photosynthese betreiben, wie z.B. Protozoen) fördert. Sowohl im Hinblick auf den Kolonisationsumfang als auch auf die produzierte Biomasse sind die Cyanobakterien die repräsentativsten dieser Mikroorganismen und besiedeln in erster Linie die Oberfläche der Schlämme, wobei sie die charakteristischen blaugrünen Schichten oder “Beläge” bilden. Zum heutigen Stand wurden in den Thermalschlämmen des euganeischen Gebiets 11 Stämme der Cyanobakterien isoliert, die in Kulturen in den Labors des Instituts für Biologie an der Universität Padua kultiviert werden und sowohl auf morphologischer als auch auf molekularer Ebene charakterisiert sind (Moro et al., 2007, 2010).

Neben den Cyanobakterien sind die Thermalschlämme des euganeischen Gebiets auch von Diatomeen besiedelt. Anders als bei den Cyanobakterien beschränkt sich ihr Vorkommen auf 2-3 Gattungen, von denen eine erst vor kurzem als Navicula veneta identifiziert worden ist (Moro et al., 2010). Wie von verschiedenen Autoren beschrieben, tolerieren die Diatomeen mit einigen wenigen Ausnahmen keine Temperaturen > 50°C, während Cyanobakterien temperaturtoleranter sind, auch wenn sie mit Ausnahme einiger Formen der Gattung Synechococcus, die bei Temperaturen von bis zu 73-74°C lebensfähig sind, nicht in der Lage sind, Temperaturen über 50-60°C auszuhalten (Edwards et al., 1997; Miller and Castenholz 2000; Balme et al., 2001).
Am Reifungsprozess sind mit Sicherheit auch Bakterien beteiligt. Der aktuelle Stand der Kenntnis beschränkt sich allerdings auf nur zwei Gattungen, und zwar das Thermoanaerobacter italicus (Stamm Ab9), ein neues thermophiles, anaerobes, sporenbildendes Bakterium, das nicht nur in den Euganeischen Thermen, sondern auch in anderen SPAs in Italien isoliert werden konnte (Kozianowski et al., 1997), und das Anoxybacillus thermarum (Stamm AF/04T), das strikt aerob ist und bei dem es sich wie beim ersten Bakterium auch um eine neue thermophile Gattung handelt, die in den Thermalschlämmen von Abano Terme gefunden wurde (Poli et al., 2009).
Die photosynthetischen Organismen (Cyanobakterien und Diatomeen) entwickeln sich bedingt durch ihren Bedarf nach Licht und Gasaustausch in der Oberflächenschicht des Schlamms, während die aeroben Bakterien wie die Protozoen in der Lage sind, den Schlamm überall dort zu besiedeln, wo Sauerstoff zur Verfügung steht.
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